Mittwoch, 13. Januar 2016

Freundschaft rostet

Januar 2012

Ich heule, weil ich nicht weg von hier will. Ich will nicht in die Schule.
Es ist 7:30, ich sitze in meinem neuen Zimmer, zwischen drei Bananenkartons. Es ist ungewohnt hier zu sein. An der Wand hängt ein Bild auf Leinwand - ein Weihnachtsgeschenk. Mein Bett, mein Schrank und mein Schreibtisch stehen provisorisch im viel zu kleinen Raum. Ich sitze vollständig angezogen in Mantel und Schuhen auf dem Boden und schreie, heule, zerkratze mir das Gesicht. Dann gebe ich nach, wasche mein tränenvermschiertes Gesicht und folge meiner Mutter zum Auto. Die Fahrt ist kurz. Mit den Fingern kralle ich mir in die Wangen und Handrücken, fange wieder an zu heulen. - Mein erster Schultag nach drei Monaten Klinik.

"Sie ist ganz anders, seit sie wieder da ist." 
"Ja, irgendwie eingebildet."
          - M. und Ich, 1 1/2 Jahre zu vor - Reaktion auf die Rückkehr einer Freundin nach einem Klinikaufenthalt wegen familiärer Probleme.

Ich komme zu spät zur ersten Stunde. Mama bringt mich bis zum Klassenzimmer im 2. Stock, bittet meine Lehrerin hinaus. Die Lehrerin ist jung, hübsch, dünn und blond (alles was ich nie sein werde). Sie begrüßt mich liebevoll, umarmt mich sogar. Sie unterhält sich erst mit mir und meiner Mutter, dann mit mir allein. Schließlich sitze ich im Klassenzimmer zwischen all den anderen. Ich rede nicht sehr viel, meine Freunde tun es mir gleich. Ich bin hier fremd, vermisse meine Freunde aus der Klinik. Das einzig annehmbare an mir ist mein Outfit: neu gekauft.



Heute bin ich die Freundin, die anders ist, die die sich verändert hat.

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