Freitag, 29. Januar 2016

Zu Hause sein

Ich bin 6 Jahre alt und meine Mama holt mich von der Schule ab. Im Kinderwagen mein kleiner Bruder. Ich springe neben ihr her, eine Hand am Wagen, erzähle ihr von der Schule, lache.

Ich bin 9, ich will den Bus nach Hause nehmen, aber mein Geld liegt gut verwahrt auf meinem Tisch im Klassenzimmer. Ich laufe nach Hause, verlaufe mich, weine, frage einen Fremden, komme nach Hause.

Ich bin 13, als ich nach Hause komme ist nur mein Bruder da, meine Mutter gerade weg. Ich schalte den Computer an, esse obwohl ich schon in der Schule gegessen habe. Esse und schaue auf den Bildschirm, bis meine Mutter am Abend zurück kommt.

Ich bin 14, schaffe es in mein Zimmer und wiege mich, wiege mich nochmal und dann nochmal. Ich lerne, räume auf und mache Abendessen für meine Geschwister.

Ich bin 15. Mama kocht als ich nach Hause komme. ich stehe neben ihr und stopfe mich mit Brot voll, während sie das Mittagessen macht - esse bis es fertig ist und dannach noch weiter.

Ich bin 18, komme nach Hause, dusche. Dusche so lange bis mein gebrochenes Herz sich nicht mehr ganz so kaputt an fühlt. Versuche mir meinen Ekel vor mir selbst vom Körper zu waschen, heule unter dem heißen Wasser, grauer Schleier über meinen Augen.

Ich bin 19. Ich komme nicht mehr nach Hause.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Ich bin ein Kind

Ich umarme meine Mutter, spüre ihre kantigen Schultern durch den weichen Stoff ihrer Jacke. über die Jahre ist sie kleiner geworden, obwohl ich nicht gewachsen bin, trotzdem geht mein Kinn ihr gerade bis zur Schulter. Meine Brille beschlägt durch meinen Atem, als sie mein Gesicht an ihre Schulter drückt. "Alles Gute zum Geburtstag!.", sage ich, ich schaffe es meine Stimme fröhlich und freundlich klingen zu lassen, ich bin stolz auf mich. Sie umarmt mich noch fester, dann: "Ich wünsche mir das du wieder dicker wirst.". Buchstäblich. Ich antworte nicht, sehe nur die leichte Spiegelung unserer Körper in der Glastüre hinter uns. Vor meinem inneren Auge ein Bild von mir - Sommer, kurzer Rock unter dem unförmige, pralle Beine hervor schauen, rundes, aufgedunsenes Gesicht. Bitte nicht.

Dienstag, 26. Januar 2016

Bargespräche

25. Januar 2014

Die Luft ist rauchig, überall das Geräusch von Billardstöcken die auf Kugeln treffen. Wir sitzen nahe bei der Tür, weil sie nicht direkt im Rauch sitzen möchte. In vier Stunden wird sie 18. Wir lachen und trinken und niemand fragt mich nach meinem Ausweis - ich bin die jüngste hier.
Sie hat eine blaue Plastikbox dabei, darin aufwendig verzierte Cup Cakes, die sie selbst gemacht hat. Jeder der Gäste nimmt sich einen, sie erst als man sie darauf anspricht. Wie gewöhnlich warte ich darauf, dass alle Anfangen zu essen bevor ich den Cup Cake aus seiner silbernen Form löse. Alle essen genüsslich, bis auf sie. Ich starre ihren Muffin an, bemerke ihren unauffälligen Blick - wie sie darauf wartet, dass ich anfange. 
Das ist mein Ritual!
Warte Ewigkeiten, biss ich schließlich trotzig etwas Frosting ab schlecke. Heute habe ich noch kaum etwas gegessen, wie sonst auch, wenn ich etwas vorhabe und ich verdiene dieses Teil. Mehr als ab schlecken traue ich mich nicht.Schließlich: "Komm!", ich zwinge mich zu einem Lächeln und sie ist. In Zeitlupe verschwindet mein Kuchen in meinem Mund, weil ich auf keinen Fall vor ihr fertig werden will - sie tut das selbe.
Ich bin so erbärmlich.

Ich sitze da, mit fettem Alkohol, während sie nur stilles Wasser trinkt.
Esse nur ein Stück widerliche Pizza, obwohl ich hungrig bin.

Vergeblich versuche ich ein hübsches Gesicht zu machen und aufrecht zu sitzen. Noch vor wenigen Wochen war ich krank und dünn, an meinem Tiefstgewicht 2013, jetzt wieder fett, aufgedunsen. Ich bin so ekelhaft, mein Gesicht ist ein dicker Kreis.
Sie ist schön.
Ihre Haare sind lang und frisch gefärbt, sie riecht gut, ihre Bluse ist neu, sie ist dünn.
Ich habe Angst.

Montag, 25. Januar 2016

Heimat

Wir stehen draußen im Schnee. Es ist eiskalt, meine Sneaker ungeeignet, meine Zehen schmerzen so sehr, dass ich die Schuhe kaum anlassen kann. Seit über einer Stunde warten wir, meine Zähne klappern wie verrückt, wenigstens sind die Leute hier nett.
"Was machst du so für Sport?"; fragt einer und ich lache: "Gar keinen!".
"Wirklich? Wie geht das dann?", er macht eine demonstrierende Handbewegung in Richtung meiner schlotternden Beine. Ich weiß genau was er meint, trotzdem frage ich: "Was?".
Hier bin ich die dünnste unter 11 anderen Mädchen. Ich weiß das. Im Gegensatz zu meinem zu Hause sind hier alle relativ Normalgewichtig, in meiner gesamten Gruppe sind nur etwa 3 andere eher schlank.
Wir machen Fotos und auch auf diesen sehe ich, dass ich schlank bin, im Spiegel jedoch nicht.

Ich bin nicht mehr gewohnt dreimal am Tag zu essen, bei jeder Mahlzeit quillt mein Bauch auf und ich muss ihn unter einem übergroßen Schal verdecken. Endloses warten darauf, dass ich mich zu Hause in einem Ganzkörperspiegel betrachten kann, obwohl es mir hier eigentlich gefällt. Trotzdem fällt mir Essen hier leichter, weil es so wenige gibt, die weniger essen als ich. Ich fülle meinen Teller am Buffet und bin dannach tatsächlich satt. Ich nehme mir Nachtisch und nach Überwindung sogar noch einen Nachschlag.
Am Freitag komme ich nach Hause, am Samstag wiege ich nur 400 Gramm mehr als bei meiner Abfahrt. Halleluljah - Ich hatte mit 3 Kilo gerechnet.







Ich bin nicht ganz so verzweifelt wie sonst, wenn ich zunehme, weil ich weiß, dass das nur vorübergehend ist.

Sonntag, 24. Januar 2016

Verändert

Alleinsein.
Einsam.

Donnerstag, 21. Januar 2016

einsam nur wenn ich nicht alleine bin

Er ruft mich bei der Arbeit an. Ich sehe seine Nummer auf dem Display des telefons, melde mich aber trotzdem mit Namen und der üblichen Floskel. Eigentlich will ich gar nicht ran gehen. Er redet und ich bekomme kaum ein Wort heraus, ich spreche sehr leise. Nach sieben Minuten wird meine Stimme brüchig, ein Kloss in meinem Hals, mir steigen Tränen in die Augen, als er nach meinem Gruppentermin fragt. Nach acht Minuten verabschiedet er sich. Er ist sehr lieb, aber ich kann nichts anderes sagen als ja.

Dienstag, 19. Januar 2016

Unterwasser

Meine Beine liegen über seinen im Wasser. Es ist warm und klar, grün durch den Badezusatz. Meine Körper stark vergrößert Unterwasser. Ich halte seine Hand ganz fest. Bleib da. Seine Haut ist ganz blass, sein Gesicht ganz sanft und jung.
Ich habe zu viel getrunken, weil ich fühlen will. Ich fühle. Ich lache und verschlucke mich, an Wasser an Alkohol. Ich bin glücklich, weil ich nicht alleine bin, weil er da ist, weil er mich kennt. Ich schäme mich nicht so sehr für meinen Körper wie sonst, weil er ihn schon tausende Male gesehen hat. Berührt hat, ohne sich zu ekeln, sondern sanft. Weil er mich liebt.

Donnerstag, 14. Januar 2016

Verloren zwischen Hochhäusern

Ich sitze mit überschlagenen Beinen aufrecht auf dem Sofa im Büro meiner Psychologin.  Gruppentherapiestunde. Mein Dufflecoat liegt auf meinem Schoss und verdeckt meinen Bauch, von dem ich vermute, dass er sich unter dem Bund meiner High-waisted-Jeans hervorwölbt. Ich höre aufmerksam meiner Nebensitzerin zu , die von ihren letzten Wochen berichtet. Die Dritte im Bunde ist noch nicht da. Ich weiß nicht genau wo ich hin sehen soll, also schaue ich abwechselnd zu der erzählenden, meiner Psychologin und auf den Spalt im Rollladen, der ein wenig ein Blick durch das Fenster des Nebenzimmers gibt.
Meine Gedanken kreisen um meine Zeit nach der letzten Stunde. Ich kann Ereignisse zeitlich nicht mehr genau einordnen und vergesse den Großteil des erlebten. Als ich an der Reihe bin zu erzählen, schaffe ich es dennoch ein bisschen zu erzählen, kann aber nicht alles einbringen. Ich bin stolz darauf wie ruhig meine Stimme klingt, obwohl ich ungern von mir selbst spreche. "Was kannst du noch an deinem Essverhalten verbessern?", fragt sie und ich schlage das Mittagessen im Büro vor. Wir diskutieren eine Weile darüber, wieso ich es weder in der Schule noch jetzt schaffe zu essen. Ich weiß keine Antwort, sage schließlich, dass es wahrscheinlich daran liegt, dass Mittagessen nur für mich eine überflüssige Belohnung sei und dass es mir unangenehm sei, wenn mich jemand beim Essen sieht. Wir sprechen über das Mittagessen allgemein und die Tür wird nach kurzem Klopfen geöffnet. Die letzte unserer Gruppe stürzt schwer atmend herrein und unterbricht mich Mitten im Satz. Ich darf noch kurz zu ende sprechen, dann wird ihr die Aufmerksamkeit gewidmet.

Irgendwann werden wir gefragt zu wie viel Prozent wir später ohne unsere Essstörung leben wollen. Ich bin die letzte die Antworten darf und verhasple mich dauernd. "Ich glaube ich möchte sie noch behalten.", bringe ich schließlich heraus.
Dann noch als Antwort auf eine weitere Frage: "Weil ich irgendwie keinen Charakter habe."

Mittwoch, 13. Januar 2016

Freundschaft rostet

Januar 2012

Ich heule, weil ich nicht weg von hier will. Ich will nicht in die Schule.
Es ist 7:30, ich sitze in meinem neuen Zimmer, zwischen drei Bananenkartons. Es ist ungewohnt hier zu sein. An der Wand hängt ein Bild auf Leinwand - ein Weihnachtsgeschenk. Mein Bett, mein Schrank und mein Schreibtisch stehen provisorisch im viel zu kleinen Raum. Ich sitze vollständig angezogen in Mantel und Schuhen auf dem Boden und schreie, heule, zerkratze mir das Gesicht. Dann gebe ich nach, wasche mein tränenvermschiertes Gesicht und folge meiner Mutter zum Auto. Die Fahrt ist kurz. Mit den Fingern kralle ich mir in die Wangen und Handrücken, fange wieder an zu heulen. - Mein erster Schultag nach drei Monaten Klinik.

"Sie ist ganz anders, seit sie wieder da ist." 
"Ja, irgendwie eingebildet."
          - M. und Ich, 1 1/2 Jahre zu vor - Reaktion auf die Rückkehr einer Freundin nach einem Klinikaufenthalt wegen familiärer Probleme.

Ich komme zu spät zur ersten Stunde. Mama bringt mich bis zum Klassenzimmer im 2. Stock, bittet meine Lehrerin hinaus. Die Lehrerin ist jung, hübsch, dünn und blond (alles was ich nie sein werde). Sie begrüßt mich liebevoll, umarmt mich sogar. Sie unterhält sich erst mit mir und meiner Mutter, dann mit mir allein. Schließlich sitze ich im Klassenzimmer zwischen all den anderen. Ich rede nicht sehr viel, meine Freunde tun es mir gleich. Ich bin hier fremd, vermisse meine Freunde aus der Klinik. Das einzig annehmbare an mir ist mein Outfit: neu gekauft.



Heute bin ich die Freundin, die anders ist, die die sich verändert hat.

Dienstag, 12. Januar 2016

Du passt hier nicht rein.

Ich stehe im Kaufhaus und komme mir Fehl am Platz vor. Meine Haare sind von Regen und Wind zersaust, meine Wangen vor Kälte gerötet. Ich bin froh, dass ich wenigstens meine teure Jeans anhabe, obwohl sich wahrscheinlich trotzdem alle Fragen was ich hier zu suchen habe. Eigentlich will ich nicht mehr so viel Geld ausgeben, also steuere ich zu den Sale-Stangen hinüber. Gleich die ersten drei sind von zwei Mitarbeiterinnen besetzt: beide hübsch und modisch gekleidet, ich dick und hässlich, in Klamotten, die mir nicht stehen. Ich senke den Blick und wandere an ihnen vorbei, zu den nächsten drei Kleiderstangen.
Ich bin etwas panisch, weil ich Angst davor habe mich lächerlich zu machen, weil ich versehentlich zwischen den Großengrößen suche oder an eine Stange mit Herrenbekleidung gerate. Ständig fühle ich mich beobachtet,wahrscheinlich fragen sich die Leute, was ich mir für bescheuerte Teile herraussuche und ob ich mir das überhaupt leisten kann.
Als ich bei den Hosen an gelange finde ich drei, die eine Größe kleiner als meine eigentliche Größe sind. Ich halte sie so, dass niemand die dick gedruckte Zahl auf der Rückseite der Jeans sieht, suche nach Gesichtern mit der Frage: "Wie will die sich da bloß rein quetschen?". Unauffällig wandere ich durch die Massen an Kleidung, bis ich eine Umkleidekabine finde.
Es dauert ewig, bis ich mit dem anprobieren beginnen kann. Minutenlang versuche ich den Vorhang komplett zu schließen und dabei so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen.
Zuerst probiere ich die Hosen, kann mir schon denken das mir zwei der drei nicht passen, also will ich mir die Enttäuschung am Schluss ersparen. Ich habe Recht. Ich bekomme beide gerade so über die Hüften, kann den Knopf aber nicht schließen.
Ich betrachte meine Beine im Spiegel. Cellulite und blaue Flecken, blass.
Die dritte Hose passt. Ich fühle mich erstaunlich dünn. Die Hose kaschiert meine enormen Hüten, mein Bauch wirkt flach. Eine Weile betrachte ich mich fasziniert im Spiegel. Plötzlich gefällt mir alles was ich anprobiere. Eine kurze Phase von Hochgefühl.
Neben meiner Kabine eine Frau: "Mir passt gar nichts, ich glaube wir müssen bei der Umstandsmode schauen." Ihre Freundin lacht. Sie unterhalten sich über Diäten. Ich lächle, meine Stimmung ist gelöst.
Ich kaufe nur die Jeans.
Habe direkt nach dem ich sie ausgezogen habe wieder das Gefühl, dass ich da niemals hinein passe.

BMI: 17.1
Hosengröße: 34

Montag, 11. Januar 2016

Melancholie

Herbst / Winter 2013

Ich bin unglaublich müde. Es dämmert, als ich von der Schule nach Hause laufe, es ist eiskalt.
Mama arbeitet bis um 22:00 Uhr. Sie hat vorgekocht, ich betrachte das Essen im Topf und stelle mir vor wie es schmeckt. Ich koche zwei Tassen Kaffee und verkrieche mich in meinem Zimmer. Hier ist es ordentlich und sicher vor anderen Menschen. Ich trinke meinen Kaffee und notiere meine heutigen Mahlzeiten in einem Notizbuch:

1 Zwieback in grünem Tee eingeweicht, dazu ein Teelöffel Leinsamen.
3 Tassen Kaffee.

Wasser habe ich heute noch nicht getrunken.
Als ich in Bad gehe absolviere ich meine üblichen Übungen. Heute: 10 Sit-Ups pro Badbesuch. Ich hole 20 Sit-Ups nach, die ich in der Schule nicht machen konnte.
Ich wünsche mir das meine Mama bald nach Hause kommt.
Im Bett rolle ich mich zusammen, spiele an meinem Handy herum und lese ein wenig. Ich kann mich kaum konzentrieren, habe weder Kraft für Hausaufgaben noch um mit meinem Hund Gassi zu gehen.
Meine Gefühle schwanken zwischen Traurigkeit und Emotionaler Leere.

Später am Abend löffle ich ein wenig des vorgekochten Essens direkt aus dem Topf. Kartoffeln, Karotten und eine dünne Käsesoße. Es schmeckt unendlich gut. Ich genieße jeden Bissen.
Als ich am nächsten Tag aufwache und meinen Bauch sehe bereue ich direkt.
So viel habe ich doch gar nicht gegessen?

Freitag, 8. Januar 2016

Vorlieben

Wir stehen in einem kleinen asiatischen Imbiss. Die Karte hängt über der Theke, der winzige Raum ist bis auf einen letzten Tisch gefüllt. Es ist 18:00 Uhr und außer ein Paar Haferflocken am Morgen habe ich noch nichts gegessen. Mein kleiner Bruder ist eingeschnappt und spricht kein Wort mehr mit mir und meiner Mutter. Ich versuche mich für ein Gericht zu entscheiden, ein Gericht, dass ich komplett und alleine essen werde - das ist neu: Seit ich mich errinern kann, hab ich mir das Essen in Restaurants und Imbissen imer mit meiner Mutter geteilt.
Ich wähle eine Gemüsepfanne mit Reis. "Nein, das ist zu wenig.", sagt meine Mutter. Ich ärgere mich und bestelle statt dessen ein Gericht mit Tofu. Mein Bruder trotz und möchte nichts.
Meine Mutter bestellt die Gemüsepfanne mit Reis, die ich eigentlich wollte.
Ich fühle mich hintergangen. Das ist nicht das erste Mal, dass ich dazu gezwungen werde mehr oder etwas anderes zu bestellen, währrend sie das exakte Gegenteil tut. Ich reiße mich zusammen und beschließe deshalb keine Szene zu machen und meine schlechte Laune einfach im Stillen auszuleben.

Schlussendlich tausche ich doch das Gericht mit meiner Mutter, weil sie feststellt, dass es mit einer Sojasauce zubereitet ist, die ihr entweder nicht schmeckt (was sie sagt) oder zu fettig ist (was sie natürlich nicht sagt). Brav esse ich auf, obwohl mein Bruder nicht isst und obwohl ich Sojasauce überhaupt nicht mag.

Donnerstag, 7. Januar 2016

2011, Oktober:

2011, Oktober:

Ich sitze vor meinem Teller, am Tisch neben der Treppe, abgeschirmt von meinen Mitpatienten, mit Blick aus dem großen Fenster.
Ich komme mir sehr jung vor, viel jünger als die Anderen, obwohl alle etwa in meinem Alter sind.
Es ist der erste Tag meiner Therapie, nach einer Woche Eingewöhnungszeit.
Das Essen wird auf einem Tablett serviert, noch verborgen unter einer Haube. Neben der Hauptmahlzeit eine Schüssel  mit Deckel und eine kleinere Schale mit dem Nachtisch. Der Nachtisch ist die einzige Mahlzeit, die ich sehen kann ohne einen Deckel zu lüften: Es ist ein kleines Rundesgebäckstück, ein Rosinenbrötchen mit Mandelsplittern und Hagelzucker.

Mein erster Essensplan beinhaltet ein Mittagessen mit:

1 Schale Suppe oder Nachtisch
1 Kleine Hauptmahlzeit
1 Glas Wasser oder Tee

Zeit: 30 min


An diesem ersten Tag schaffe ich die Hauptmahlzeit, für den Rest muss ich ein hochkalorisches Getränk trinken.
Das Rosinenbrötchen geht zurück und wird vermutlich weggeworfen.

Dienstag, 5. Januar 2016

Durschnittlich

Im November letzten Jahres habe ich 5-Jähriges Jubiläum gefeiert.
5 Jahre Krankheit.
Ein Jubiläum ohne Kuchen, ohne Sekt, ohne Restaurantbesuch, weil dass natürlich nicht geht. Eher ein Jubiläum mit schwarzem Kaffee, schweren Gliedern, Magenschmerzen.

Trozdem zähle ich jedes Jahr mit, freue mich gerade zu darauf erzählen zu können ich sei bereits seit 5 Jahren magersüchtig. Tolles Gesprächsthema. Ich bin fast schon stolz darauf so viel Ehrfahrung zu haben.
Ich habe erlebt wie es ist dünn genug zu sein um zu sterben.
Ich habe Normalgewicht ausprobiert.
Ich habe mich zu dünn gefühlt und mich zu dick gefunden.
Ich war fast zufrieden mit meinem Körper und tot unglücklich über meine Makel.

Niemand kann mir Neues über meine Krankheit erzählen.  Ich habe alle Bücher gelesen, unzählige Autobiografische Texte über Mädchen die gesund wurden und solche die sich zu Tode hungerten.
Ich kenne alle Symptome, alle Ursachen.
Ich weiß wie man gesund abnimmt, wie man sich diszipliniert herunter hungert.
Ich weiß, was ich essen sollte und wie viel.
Ich weiß, dass mein Gehirn Fett braucht und Kohlenhydrathe Energie liefern.

Ich habe alle Therapien ausprobiert - Ambulant, stationär, zu Hause, in der Gruppe - ich bin trozdem krank.
Ich weiß, dass Heilung im Kopf statt findet. Ich weiß, dass man mich nicht wegen meines Körpers verurteilt, hasst, liebt und so weiter.

Ich kenne viele Frauen mit Essstörungen, Freundinnen, Bekannte, meine Mutter.
Ich kenne mich. Ich weiß weshalb ich hungere und weshalb ich zu viel esse.
Ich weiß, dass mein Spiegel mir ein flasches Bild meines Körpers vorgaukelt.
Ich weiß, dass die Zahlen auf der Waage mich nicht definieren.

Aber was deffiniert mich dann?
Dass mein Vorname der beliebteste in meinem Geburtsjahr war?
Dass ich die Durchschnittsgröße der deutschen Frau habe?
Dass ich die Haarfarbe mit dem Großteil der Weltbevölkerung teile?

Oder dass ich zu den 1,1% der Erwachsenen in Deutschland gehöre, die unter Anorexia Nervosa leidet?
Dass ich seit 5 Jahren krank bin liegt vielleicht daran, dass das das einzige ist was mich ein kleines bisschen besonders macht. Nur ein kleines bisschen.

Montag, 4. Januar 2016

Morgenrituale

Die Einsamkeit kommt, wenn ich abends alleine im Bett liege, stundenlang mit dem Handy in der Hand um nicht zuzulassen, dass stille in meinen Kopf einkehrt. Wenn ich nicht schlafen kann, weil ich nicht weiß wie.
Und wenn ich morgens aufwache und mir klar wird, dass du nicht neben mir liegst. Meine so geliebten einsamen Morgen, gefüllt von Ritualen, Ruhe und Struktur, fühlen sich plötzlich leer an - unbefriedigend.

Lieber hätte ich Dich neben mir, auch wenn du so lange schläfst und ich in der Früh neben die wach liege und auch wenn das Frühstück zum Mittagessen wird und durch eine Scheibe Toast, Tränen oder Unmengen von schwarzem Kaffee ersetzt wird.
Ich kann verzichten auf Rituale und Altbewähsrtes, wenn ich nur dich habe.