Montag, 14. Dezember 2015

Morgengrauen

Ich starre auf Angebote, Preise, Reduzierungen - krampfhaft. Versuche die Existenz meines Frühstücks zu ignorieren. Den Joghurt habe ich aus meinem Sichtfeld geschoben, tue so, als würden mich die Werbezeitschriften der gängigen Supermärkte brennend interessieren. Ich versuche das Essen hinaus zu zögern. Blättere immer wieder durch die Seiten und rede so viel mehr als sonst um davon Abzulenken, dass auch ich etwas essen soll. Immer wieder macht er mich auf den Joghurt aufmerksam, erst sanft, dann immer forscher. Er ist so selten wütend, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme.
Schließlich kann ich es nicht länger hinaus zögern. "Isst du deinen Joghurt auch?", frage ich unsicher, es kostet mich viel Mut."Ich warte auf dich." Er lächelt,  mein Magen schmerzt.
Vorsichtig löse ich den Plastikdeckel von der Plastikverpackung, fahre mit dem Metalllöffel über die beschichtete Innenseite des Deckels um die Joghurtreste auf zusammeln, die sich dort verteilt haben. Ich lecke vorsichtig über den Löffel. Streiche über die unebene, weiße Oberfläche meines Frühstücks. Es ist nach zwölf. Ich kann das nicht. Der Löffel rutsch aus meiner kraftlosen Hand, Tränen schießen mir in die Augen. Mein Gehirn hört auf zu funktionieren.
Tränen laufen mir über die Wangen, mit schmerzendem Magen starre ich den Joghurt an. In diesem Moment finde ich ihn widerlich, hasse diesen Auslöser meiner Schwäche, obwohl ich mich gestern noch darauf gefreut habe.
Erst nach eineinhalb Stunden kann ich mich dazu überwinden ihn zu essen - als Mittagessen.

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