Als ich mit 13 zum ersten mal kapiere, dass ich dick bin ist es April oder Mai und ich habe das Gefühl alles sei zu spät. Von einer Sekunde auf die andere bin ich nicht mehr das kleine dünne Mädchen. Die kleinste aus der Grundschulklasse. Die hübsche, süße Tochter meines Vaters, auf die er so stolz ist.
Ich bin mindestens 10 cm gewachsen, eine der großen in einer Klasse voller hübscher, pupertierender Mädchen. Ich fühle mich wie ein dicker, riesiger Junge.
Meine Lieblingshose rutsch ständig und erst jetzt verstehe ich, dass sie mir zu klein geworden ist und ich sie nicht richtig über meine Hüften bekomme. Knien fühlt sich unangenehm an, weil meine Oberschenkel schlicht weg zu fett sind.
Ich beschließe den ganzen Tag nichts zu essen und lasse meinen Vorsatz erst gegen 21:00 Uhr am Abend fallen.
Mit 14, im September des gleichen Jahres, sehe ich das ich ein Doppelkinn habe. Mein dickes Gesicht auf einem Foto. Hässliches Grinsen. Zu Hause heule ich. Ich wusste nicht, dass ich so aussehe. Wie kann man nicht wissen wie man aussieht, bis man sich auf einem Foto sieht?
Im gleichen Monat geht mein Vater mit mir Einkaufen. Es ist mir peinlich wie ich neben ihm aussehe. Eine hässliche, schüchterne Ente neben einem gutaussehenden, sympathischen Mann.
Mir passt keine der Hosen, die ich anprobiere, schließlich kaufen wir eine Jeans. Mein Vater ist schockiert von der Größe. Er sagt, uns großen Leuten würde es nicht stehen wenn man dick ist. Erst zu Hause bemerke ich, dass mir die Jeans viel zu groß ist.
Am nächsten Tag esse ich nichts, bis ich mich bei meiner Oma mit Pralinen vollstopfe. Meine Oma hat eine Waage. 57kg.
Im November höre ich auf zu essen.
Bis Weihnachten habe ich 3kg abgenommen. Als ich es begeistert meiner Tante erzähle reagiert sie enttäuschend. "Wieso machst du das?"
In den Karnevalsferien bin ich wieder bei meinem Vater. Ich weine auf der Zugfahrt, will nicht dort hin. Ich weine als ich ihn auf dem Bahnsteig sehe. Niemand sonst ist da, nur mein Vater, meine Mutter und ich. Er tröstet mich. Ich will nicht, dass er mich loslässt. 51 kg.
Ich bleibe die ganze Woche. Meine Mutter hat meinem Vater erzählt wie wenig ich esse. Hier esse ich. Es ist schön bei ihm zu sein. Er kümmert sich um mich. Ich bin dünn.
Wieder gehen wir shoppen, zusammen mit meinem Onkel. Drei Oberteile bekomme ich. Die Hosen, die ich anprobiere sind fast alle zu eng.
In den Osterferien glaube ich, dass ich sterbe.
Es fühlt sich an, als würde mein Herz stehen bleiben. 46 kg
Es ist mitten in der Nacht, am nächsten Tag fahren wir in den Urlaub, am Tag zu vor habe ich gar nichts gegessen.
Ich quäle mich aus dem Bett und zwinge mich einen Bissen von einem Stück Schokolade zu essen, dass ich schon seit über einem halben Jahr in meinem Zimmer liegen habe. Ein Geschenk der Frau meines Vaters.
Ich esse das ganze Stück.
Und bereue es am morgen, als mich meine Mutter zwingt ein Croissant zu essen, dass ich unter Tränen zerupfe und in kleinen Stücken auf der Zunge zergehenlasse.
45kg - ich finde eine Hose in Größe 32. Sie scheuert an den Hüftknochen, aber ich zwänge mich hinein.
Es ist wieder September. Mit der Schule machen wir einen Ausflug ins nahegelegene KZ. In einem der Original Bauten wird mir heiß, dann plötlich kalt. Ich muss mich setzen. Als ich wieder aufstehe und ein paar Schritte gehe wird mir schwarz vor Augen. Ich falle in die Arme der Mutter einer Klassenkameradin. 43 kg.
Die anderen denken, ich sei wegen der Umgebung umgekippt. Es ist mir peinlich. Man zwingt mich zu trinken und eine kleien Packung Gummibärchen zu essen. Ich hasse sie alle dafür.
Am nächsten Tag gehe ich nicht in die Schule, sondern in die Klinik.
Eine Woche später: 42 kg.
Man sagt mir, dass ich sterbe.
Aber ich sterbe nicht, endlich darf ich wieder essen.
Hallu,
AntwortenLöschenich hab gesehen, dass du mir folgst und finde deinen Blog bisher auch ganz interessant. :>
Darf ich fragen, wie alt du bist und wie lange der Klinikaufenthalt jetzt zurückliegt? Oder ist das gerade aktuell?
Alles Liebe, Kate. ;*
Hallo Du :),
LöschenDer Klinikaufenthalt liegt bereits 4 Jahre zurück, die Probleme sind aber immer noch aktuell.
Liebe Grüße :)