Freitag, 19. Februar 2016

Lass mich in Ruhe

Wieso wird mein Spiegelbild immer fetter, wenn die Waage weniger zeigt?

Montag, 15. Februar 2016

17,0

2011

Den ganzen Tag wandern wir über die Messe, sehen uns Stände zu Berufen und Schulen an. Ich bin fasziniert von Privatschulen und Dualenstudiengängen. Wir stecken Kulis, Blöcke und Broschüren ein, ich träume davon alleine zu wohnen, zu studieren.
Irgendwann tun mir die Füße weh, mein Magen verkrampft sich vor Hunger. Das Gefühl breitet sich wohlig in meinem Körper aus.
Irgendwann komme ich nach Hause, im Bus habe ich mir vorgestellt was meine Mutter wohl gekocht hat und wie es schmeckt. Beinahe bin ich eingeschlafen. Als ich die Türe aufschließe und in die Küche gehe zerplatzen meine Träume, denn meine Mutter schläft. Heute bin ich nicht enttäuscht, ich kann mich in Ruhe wiegen.
Die Waage steht in meinem Zimmer neben dem Schreibtisch. Mein Magen knurrt, als ich die Füße auf das kühle Glas stelle. Überraschung. So wenig. Ein ganzes Kilo unter meinem Zielgewicht. Glück, dann Angst. Mehr will ich wirklich nicht abnehmen. Ich gehe in die Küche und schneide mir eine Mango zu recht. Platziere mich neben meiner Mama und versuche das Glücksgefühl nicht der Angst überwiegen zu lassen. Ich will schließlich nicht krank werden.

Montag, 8. Februar 2016

Alena

Es ist warm und sonnig, als ich auf die Automatische Tür der städtischen Bücherei zu laufe. Aus den Augenwinkeln erkenne ich ein Mädchen, ich drehe mich kurz um, sehe ihre dünnen Ärmchen, dunkle Haare, das Gefühl sie zu kennen. Denke nicht weiter darüber nach. Ich stöbere zwischen den Regalen und Büchern. Feine Härchen auf meiner Haut stellen sich in der kühlen Luft der Klimaanlage auf. Ich fühle mich sicher und geborgen. Das hier ist mein Zufluchtsort. Es gibt so viele Ecken und Winkel in der Bücherei, abgeschirmte Ecken und alles ist so wunderbar ruhig.
Ich mache einen Abstecher in die Psychologieabteilung. Die Bücher zum Thema Essstörung stehen im dritten Regalfach von unten. Eine kleine Auswahl und ich habe schon alle Ratgeber gelesen. Da wieder das Mädchen. Ich kann sie durch meine Regalreihe sehen, sie steht direkt gegenüber. Schmerzhaft wird mir bewusst, dass sie sich Diätrezepte und Ernährungratgeber ansieht. Irgendwie erkenne ich mich in ihr wieder und gleichzeitig: Alena? Ich bohre ihr meinen Blick in den Rücken. Kann das sein? Eigentlich sollte sie jetzt nicht mehr so dünn sein, sie ist doch erst entlassen worden? Schließlich entscheide ich mich dagegen sie anzusprechen, weil ich mir nicht wirklich sicher bin ob sie das tatsächlich ist.
Ich gehe wieder nach draußen, wo das warme Wetter drückend und schwül geworden ist.

Später erfahre ich, dass Alena schon vor drei Wochen gestorben ist.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Arbeitstage

Ich bin unendlich müde. Ständig drucke ich Plakate und Flyer mit falschen Telefonnummern und Rechtschreibfehlern. Ich kann mich nicht konzentrieren. Manchmal habe ich Hunger, dann sehe ich mir Bilder von Essen an, schreibe Rezepte heraus, lese Essenspläne und schreibe Einkaufslisten. Acht Stunden sind so lang. Ich habe nichts zu tun, sehe mir Filme an, langweile mich zu Tode. Ich bekomme Aufgaben und schaffe es nicht eine von ihnen Korrekturlos fertigzustellen. Ständig passieren Dinge, für die ich verantwortlich gemacht werde. Ich bin kraftlos.
Ich kann mich nicht dazu überwinden etwas zu trinken. Es scheint mir viel zu anstrengend die 8 Schritte zum Wasserkocher zu laufen. Mein Hals brennt. Tausende Male überprüfe ich die Wölbung meines Bauches, bin zufrieden. Essen zu vergessen ist so leicht.


Er schlägt vor, dass ich bei ihm übernachte und ich bekomme Angst. Das passt so nicht in meinen Plan. Wenn ich heute vor der Probe nur so viel esse, dass sich mein Bauch nicht wölbt, dann muss ich dannach noch etwas essen, aber um 21:00 Uhr essen normale Menschen doch nicht? Und wenn ich nach der Probe nichts gegessen habe, dann muss ich etwas frühstücken, sonst kann ich am nächsten Tag erst um 17:30 wieder etwas zu mir nehmen.
Ich überlege, wie ich heimlich eine Kleinigkeit mitnehmen kann, ohne dass er es sieht und mich für verfressen hält. Gleichzeitig stelle ich mir vor, wie schön ich aussehe ohne Nahrung in meinem Bauch.

Dienstag, 2. Februar 2016

Liebling

Es regnet ein kleines bisschen, die Temperaturen sind herunter gekühlt, aber glücklicherweise windet es nicht. Er steht da und raucht. Der Rauch vermischt sich mit dem Dunst seines warmen Atems in der Kälte. Ich ahme automatisch nach wie er der Rauch auspustet. Seine Haut ist so blass, dass sie ein wenig im Dunkeln leuchtet,er runzelt leicht die Stirn und blickt nach oben, dem Rauch hinterher. Er sieht so gut aus. Das Gefühl in meiner Brust ballt sich zusammen und fühlt sich an als müsste es jeder Zeit aus mir raus brechen, meinen Brustkorb sprengen. Er ist so groß, dass ich mit viel Mühe gerade seine Schulter erreiche, obwohl ich selbst nicht sehr klein bin.
Die Ärmel seiner schwarzen Jacke hat er nach oben geschoben, jetzt liegen seine Unterarme frei. Feine, blaue Adern zeichnen sich unter der Haut ab und treten hervor. Seine Arme sehen fast schon athletisch aus, obwohl er schon seit Jahren keinen Sport mehr macht. Ich weiß es besser - unter seiner Jacke und seinem T-Shirt ist er ganz schmal. Rippen die hervortreten, ohne das er sich dafür hinlegen muss. Knochen, über die ich fahre, wenn ich ihm über den Rücken streiche. Hüftknochen an denen ich mich besser festhalten kann als an meinen eigenen.